Tomislav S. Vukic ́ – ON…

Tomislav S. Vukic

Die Tiefe der Oberfläche – Pressetext Daniel Schierke

Betritt man den ersten Ausstellungsraum im JCYM PRIVATEOFFSPACE steht man vor einer schwarzen Wand. Es handelt sich um die Fotografie verbrannter Holzdielen, die der Frankfurter Künstler Tomislav S. Vukić in eine „Leinwandskulptur“ überführt hat. Der skulpturale Eindruck verdankt sich der Oberflächenbearbeitung des Bildes, die den Eindruck erweckt, die Dielen würden tatsächlich aus dem Bild hervorbrechen. Die Fotografie zeigt ein Segment aus einer größeren Installation, bei der Vukić einen Holzfußboden in eine massive Mauer verwandelt hat. Somit greift er auf ein von ihm erzeugtes Werk zurück, worin eine Vorgehensweise liegt, die viele seiner Arbeiten prägt.
Allerdings kann es sich dabei auch um Werke anderer Künstler handeln, die Vukić sich aneignet und denen er durch eine geringfügige Zutat eine neue Visualität verleiht. So geschehen mit den kleinen gerahmten Aquarellen Marcel Petrys, die in der vorangegangenen Ausstellung im JCYM PRIVATEOFFSPACE gezeigt wurden. Vukić hat die Werke an der Wand einfach hängen lassen und mit weißem Papier und blauem Klebeband abgedeckt. So werden Petrys Bilder zwar unsichtbar gemacht, gleichzeitig jedoch lässt Vukić Bilder entstehen, die in ihrer Verhüllung scheinbar ein Geheimnis zu verbergen haben. Außerdem wird der Blick des Betrachters stärker auf die Bilderrahmen gelenkt. Ein Element, dessen Funktion und Ästhetik Vukić in vielen seiner Arbeiten hinterfragt.
Eine weitere Arbeit besteht aus einer weißen Leinwand, die mit doppelseitigem Klebeband umgeben ist, sodass auf dem Werk alles haften bleibt, was im Raum herumschwirrt. Wer sagt, dass Kunstwerke einen Anfang und ein Ende besitzen? Bei Vukić befinden sie sich in einem fortlaufenden Prozess.
Das trifft auch auf die Arbeit im zweiten Raum zu, wo in der Bibliothek des PRIVATEOFFSPACE das Porträtbild eines Mannes mit gelbem Nasenpunkt präsentiert wird, das aus den Beständen des Frankfurter Städel Museums entsorgt wurde. Vukić hat sich des völlig derangierten Bildes angenommen, es noch mit einer Ausstellungskarte am oberen Bildrand versehen und das Ganze schließlich “Da Clauslavini um 2011” genannt. Ganz im Sinne des französischen Philosophen Jacques Derrida, der den Begriff „Iteration“ geprägt hat, worunter er die Entnahme von Zitaten oder Objekten aus ihrem ursprünglichen Kontext verstanden hat, um sie in einen andern zu setzen. Das jeweils Entnommene bleibt sich in dieser Wiederholung zwar gleich, verändert wegen des neuen Kontextes aber auch seine Bedeutung. Ähnlich verfährt Vukić, wenn er Fundstücke in seine Arbeit integriert und dazu auffordert, sich das für ungebräuchlich Erklärte nochmal aus einem andern Blickwinkel zu betrachten. Dabei bleibt bei “Da Clauslavini um 2011” unklar, ob die Zerstörung der Leinwand und die Verflüssigung der Farben auf Eingriffe des Künstlers zurückgehen. Doch mit den die Leinwand durchziehenden Rissen, die den Blick auf die dahinter liegende Wand freigeben, kommt auch die Vergänglichkeit bzw. profane Gegenständlichkeit von Kunst auf den Prüfstand, der oft so gern eine unvergängliche Aura attestiert wird.
Im dritten Raum fällt unser Blick zunächst auf ein romantisch anmutendes Landschaftsgemälde, das uns zum Träumen verführen will. Das Besondere am Werk ist aber vielmehr seine aufwändige Rahmung, denn sie besteht aus einem zusätzlichen Wandstück, das Vukić um das Bild montiert hat. Diese Intervention hebt zwar das Bild hervor, versetzt es aber gleichzeitig in den Hintergrund und verweist zudem auf die gegenseitige Beeinflussung von Kunstwerk und Raum, was im JCYM PRIVATEOFFSPACE besonders deutlich wird, wo die Kunst in Wohn- und Arbeitsräumen präsentiert wird.
Auch der lang gestreckte Speisetisch wird in ein Kunstwerk verwandelt, indem Vukić eine grundierte Leinwand als Tischdecke verwendet, auf der er Obst und Gemüse auf klassische Weise als Stillleben arrangiert und mit Ölfarbe übermalt. Hier findet keine Übertragung mehr von der Wirklichkeit auf die Leinwand statt, sondern die Wirklichkeit wird selbst zur Leinwand. Die Grenzen zwischen Realität und Abbild verschwimmen und man weiß als Betrachter nicht mehr, ob man sich noch in einer Wohnung oder schon in einem Kunstwerk befindet.
An der Schwelle vom Speisezimmer zur Küche ist eine Fotografie ausgestellt, auf der eine altertümlich-religiöse Holzskulptur zu sehen ist. Es hat den Anschein, als würde der Betrachter Zeuge einer Entführungsszene werden, denn der Bärtige wird auf einem Holzwagen wegtransportiert. Hinzu kommt noch, dass er von einer Männerhand, die in einem schwarzen Handschuh steckt, gewürgt wird. Sein aufgerissener Mund, der an Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ erinnert, deutet an, dass ihm dabei nicht wohl zumute ist. Vukićs spielerischer Umgang mit der Kunstgeschichte weist durchaus amüsante Züge auf.
Das Werk „Öl auf Leinwand“ beschäftigt sich mit der Frage, was geschieht, wenn frei aus dem Internet erworbenes Anabolikum, das wie von Malern verwendete Ölfarbe auf Ölbasis beruht, auf eine Leinwand geträufelt wird. Das muskelaufbaufreundliche Mittel vermag auf der nur aufgeklebten Rohnessel bis auf ein paar Flecken nicht wirklich Spektakuläres zu bewirken. Dass sich Kunstwerke in unserer Zeit ähnlich wie Athleten in einem gnadenlosen Wettkampf befinden, in dem es lange nicht mehr um den Sport bzw. die Kunst selbst geht, unterstreicht dieses „Bild“ hingegen auf eindrückliche Weise.
Neben dem bereits erwähnten Wandvorsprung und dem Stillleben besteht die dritte Installation des Raums aus einem wäscheständerartigen Podest, auf dem ein nicht völlig entfaltetes Wurfzelt liegt. Das Gebilde wirkt so instabil, dass man lieber einen gewissen Sicherheitsabstand hält. Zwar greift Vukić hier auf die üblichen Zutaten einer klassischen Skulptur zurück (Sockel/plastische Figur), doch er weist damit eher auf die Fragilität traditioneller Kunstvorstellungen hin, statt sich ihrer unhinterfragt zu bedienen. Mit dieser Skulptur versteht sich der Künstler als Ideengeber für plastische Objekte, die eine Beziehung zu architektonischen Formen suchen, was der Titel “Vorschlag für Pop-Up-Skulptur und Pop-Up-Podest“ hervorhebt.
Tomislav S. Vukić liefert mit seinen Kunstwerken, die sich aus den undenkbarsten und deswegen umso überraschenderen Techniken und Stoffen zusammensetzen, humorvolle Kommentare zur Kunstproduktion, ohne dabei je platt zu wirken. Er übt Kunstkritik innerhalb der Kunst und erfüllt somit vorzüglich die Devise Friedrich Schlegels, dem schärfsten Kritiker aller Kunstkritiker, die da lautet: „Ein Kunsturteil, welches nicht selbst ein Kunstwerk ist […], hat gar kein Bürgerrecht im Reiche der Kunst.“ Mit jeder Arbeit scheint sich Vukić neu zu erfinden. Man meint, seine Werke stammten von unterschiedlichen Künstlern, was teilweise auch stimmt, da er sich bereits existierender Werke bedient, denen er auf frische Art neues Leben einzuhauchen versteht.
Vukić zeichnet sich als meisterhafter Bearbeiter der Leinwandoberfläche aus, der ihre Tiefenschichten auszuloten weiß. Die Tiefe der Oberfläche bezeichnet zwar eigentlich ein Paradox, doch genau da liegt der Untersuchungsbereich von Vukićs künstlerischem Schaffen. Es geht ihm nicht um die Illusionsfähigkeit von Bildern, nicht um ihren Verweischarakter, der den Betrachter mit Räumen vertraut zu machen versucht, in denen er sich selbst nicht befindet. Vukić schafft mit seinen Werken einen ganz eigenen Denkraum, wenn er Bilder demaskiert und ganz grundsätzlich danach fragt, was überhaupt ein Bild ist und worin sein Reiz für uns besteht?
Auf dem Weg zum Ausgang streift man noch ein schwarz-weißes Comicfresko aus „Dylan Dog“, das zwei Herren im Gespräch zeigt. Der Mann mit Hut sagt auf Italienisch zu Tomislav, der hier in die Rolle des Detektivs für übernatürliche Phänomene schlüpft, dass es ihm leid tue. Tomislav seinerseits erwidert, auch ihm tue es leid. Uns hingegen tut es alles andere als leid, so viele und vielseitige Werke von Tomislav S. Vukić, die in diesem Bericht nicht alle Erwähnung finden konnten, kennengelernt zu haben und verabschieden uns reicher als wir gekommen sind.

Daniel Schierke (*1980) lebt und arbeitet als Kunstvermittler (DZ BANK / Städel Museum) und freier Autor in Frankfurt am Main.

Vita

1976 born in Yugoslavia
Lives and works in Frankfurt am Main, Germany

2005—2010 Städelschule, Frankfurt Studied with Prof. Christa Näher, Prof. Willem de Rooij, Prof. Tobias Rehberger
2010 Passed with distinction „Meisterschüler“ (Prof. Tobias Rehberger)

Scholarships
2010 Künstlerhilfe
2008 DAAD

Exhibitions

2012 “Wenn du willst”, exhibition space Hessische Kunsthalle c/o Anita, Frankfurt
“London, Paris, Tokyo”, group show, Gallery Milieu, Bern, Switzerland
“Taking Off”, group show, Klasse Tobias Rehberger, Frankfurt Airport
2011 “Encore”, graduation show, Museum für Moderne Kunst (MMK) Zollamt, Frankfurt
“WE DON’T CALL IT ACID, an evening at Joe Pearl’s Club & Bar, guest at TSCHOPERL, Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg
2010 “Making after Taking”, group show at Diamantenbörse, Frankfurt
“One day they will be gone”, DAAD group show at Diamantenbörse, Frankfurt
“Too Fat To Fit”, group show, Klasse Tobias Rehberger, Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden Opening
“Opening Exhibition”, exhibition space Valerie Praeker, Berlin
2009 “DRNTSCH”, group show, Exhibition space G.O.D., Frankfurt
2008 “These Magic Moments”, snack vending machine, Städelschule Frankfurt
“Plazma”, group show, exhibition space Siemens Art Lab, Wien
Atelier Frankfurt, group show, Frankfurt
2007 “Nichts besonderes, wir hängen ja nur so rum”, National Gallery Prishtina
“Plazma”, group show, exhibition space Leonhardi Kulturprojekte Frankfurt
“Exhibition design”, group show, Klasse Willem de Rooij, Frankfurt

Interview

Deine Arbeiten haben mich zu interessieren begonnen, weil sie dramatisch und elegant zugleich sind. Sie weisen Herleitungen, Querverweise und Rückbezüge auf, die ich überraschend finde und gerade eben nicht zu konstruiert. Sie bringen mich auch zum Schmunzeln. Eingeladen habe ich Dich, bei mir auszustellen, weil ich einen Künstler suchte, der es spannend findet, mit einem off „White Cube“ umzugehen. Der was schafft, wovon man noch nicht weiß, ob es bestehen bleiben und somit Teil des Raums werden wird. Das lässt mich an eine Art Memento Mori denken, im Bewusstsein über Vergänglichkeit und Instabilität der Welt. Außerdem habe ich mir einen regen gegenseitigen Austausch während der Ausstellungsvorbereitung erhofft. Diese Erwartung hat sich vollends erfüllt. Nachdem Du ein „Bezugskünstler“ bist, welche Frage hätte ich Dir jetzt stellen sollen?

TSV:

Mein lieber Jean-Claude, es ist mir eine Ehre bei Dir ausstellen zu dürfen. Jegliche Fragen an mich wären überflüssig, da sie Antworten erforden und die sind halt schon da.

JCYM:

Your works really appeal to me, with their seamless blend of drama and elegance. They combine originality with the kind of backward references and recursive themes that are strongly felt but not overly done.To put it simply, your work engages me in a great and enjoyable way. The reason I invited you is because you accepted the challenge of working with an off-white cubic space. You create something freely, without the knowledge of what will happen to it or where its final place will be. This puts me in mind of something along the lines of the saying Memento Mori – the awareness of all our impermanence and instability in the world. Beyond all of that, I was hoping to have a fruitful and engaging exchange with someone in the preparation of this exhibition and I feel that this hope has been fully met. Now, since you are a so-called „Referential Artist“, what remains for there to say?

TSV:

I am very pleased to be invited to exhibit at your place. Any further questions are redundant at this point because I believe all the answers are already there.